Lactat – Vom „Abfallprodukt“ zum Signalmolekül:
Ein Paradigmenwechsel in der funktionellen Medizin
- Lactylierung
- Immunmetabolismus
- Mitochondrienbiogenese
Einleitung
Über Jahrzehnte galt Lactat als unerwünschtes Endprodukt des anaeroben Stoffwechsels, als Marker für Sauerstoffmangel, Muskelübersäuerung und Leistungsabfall. Diese Sichtweise hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Heute wissen wir, dass Lactat weit mehr ist als ein Stoffwechselzwischenprodukt. Es fungiert als zentrales Signalmolekül, als Energiequelle, als Vermittler zwischen Organen und sogar als epigenetischer Regulator der Genexpression. Die Entdeckung der sogenannten Lactylierung im Jahr 2019 hat eine völlig neue Dimension der Stoffwechselregulation eröffnet.
Lactat wird mittlerweile von vielen Forschern als „Lactormone“ bezeichnet, eine Verbindung aus Lactat und Hormon, da es zahlreiche hormonähnliche Signalwirkungen im Organismus entfaltet.
Die Entstehung von Lactat – mehr als anaerobe Glykolyse
Lactat entsteht durch die Reduktion von Pyruvat mittels des Enzyms Lactatdehydrogenase (LDH). Dieser Prozess regeneriert NAD+, das für die kontinuierliche Aufrechterhaltung der Glykolyse essenziell ist.
Über viele Jahrzehnte wurde Lactat vor allem als Endprodukt eines anaeroben Stoffwechsels betrachtet und seine Bildung als Ausdruck eines Sauerstoffmangels interpretiert. Dieses Verständnis gilt heute als überholt. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Lactat selbst unter vollständig aeroben Bedingungen kontinuierlich gebildet wird und zu den zentralen Zwischenprodukten des menschlichen Energiestoffwechsels gehört.
Besonders hohe Lactatproduktionsraten finden sich in Geweben mit einem hohen Energieumsatz oder einer ausgeprägten glykolytischen Aktivität. Hierzu zählen die arbeitende Skelettmuskulatur während körperlicher Belastung, aktivierte Immunzellen im Rahmen entzündlicher Prozesse, Astrozyten und andere Zellen des zentralen Nervensystems, das Darmepithel, reproduktive Gewebe sowie zahlreiche Tumorzellen. Die kontinuierliche Bildung und Verwertung von Lactat verdeutlicht, dass es sich nicht um ein Stoffwechselabfallprodukt handelt, sondern um einen integralen Bestandteil der physiologischen metabolischen Kommunikation zwischen Zellen und Organen.
Die Lactat-Shuttle-Hypothese
Einen entscheidenden Paradigmenwechsel leitete der amerikanische Physiologe George Brooks mit der Entwicklung der sogenannten Lactat-Shuttle-Hypothese ein. Nach diesem Konzept dient Lactat als universeller Energieträger und Transportmolekül zwischen verschiedenen Geweben. Glykolytisch aktive Zellen produzieren Lactat, welches anschließend von oxidativ arbeitenden Geweben aufgenommen und zur Energiegewinnung genutzt wird.
Zu den wichtigsten Verbrauchern von Lactat zählen der Herzmuskel, das Gehirn, die Leber, die Nieren sowie oxidative Muskelfasern. Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit des Herzens, während körperlicher Belastung einen erheblichen Teil seines Energiebedarfs aus Lactat zu decken. Schätzungen zufolge können unter Belastungsbedingungen bis zu 60 Prozent der benötigten Energie aus Lactat stammen. Auch das Gehirn nutzt Lactat zunehmend als effizienten Energieträger, insbesondere während Phasen erhöhter neuronaler Aktivität. Lactat fungiert damit als eine Art metabolische Währung, die Energie flexibel zwischen verschiedenen Organen verteilt und die Anpassungsfähigkeit des Organismus an wechselnde Anforderungen unterstützt.
Lactat als Signalmolekül
Die wohl bedeutendste Erkenntnis der vergangenen Jahre besteht darin, dass Lactat weit über seine Rolle als Energieträger hinausgeht. Heute wird Lactat als eigenständiges Signalmolekül betrachtet, das zahlreiche biologische Prozesse reguliert. Hierzu gehören Zellwachstum, Angiogenese, Immunregulation, Entzündungsreaktionen, Wundheilung, mitochondriale Anpassungsprozesse und neuronale Plastizität.
Die Signalwirkungen von Lactat werden über verschiedene Mechanismen vermittelt. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Bindung an den G-Protein-gekoppelten Rezeptor GPR81, der auch als Hydroxycarbonsäure-Rezeptor 1 (HCAR1) bezeichnet wird. Dieser Rezeptor findet sich unter anderem im Fettgewebe, in der Leber, im Skelettmuskel, im Gehirn sowie in Endothelzellen. Durch die Aktivierung von GPR81 kann Lactat die Lipolyse hemmen, entzündliche Signalwege modulieren, angiogene Prozesse fördern und Anpassungen des Energiestoffwechsels initiieren. Auf diese Weise übernimmt Lactat eine zentrale Funktion bei der Aufrechterhaltung der metabolischen Homöostase.
Lactat und das Immunsystem
Ein besonders dynamisches Forschungsgebiet der letzten Jahre ist der Immunmetabolismus. Aktivierte Immunzellen zeigen ähnlich wie Tumorzellen eine verstärkte Glykolyse und produzieren dabei große Mengen Lactat. Dieses beeinflusst zahlreiche Komponenten des Immunsystems, darunter Makrophagen, T-Lymphozyten, dendritische Zellen und neutrophile Granulozyten.
Interessanterweise kann Lactat sowohl proinflammatorische als auch antiinflammatorische Wirkungen entfalten. Welche Effekte überwiegen, hängt von der Konzentration, dem Zelltyp und der jeweiligen Mikroumgebung ab. Besonders intensiv untersucht wird die Rolle von Lactat bei der Polarisation von Makrophagen. Während M1-Makrophagen vorwiegend entzündungsfördernde Funktionen ausüben, unterstützt Lactat die Entwicklung von M2-Makrophagen, die für Gewebereparatur, Regeneration und die Auflösung von Entzündungen verantwortlich sind. Lactat erscheint damit als wichtiger molekularer Vermittler des Übergangs von Entzündung zu Heilung.
Lactat und das Gehirn
Lange Zeit galt Glukose als nahezu alleinige Energiequelle des Gehirns. Mittlerweile ist bekannt, dass Lactat eine wesentliche Rolle für die Funktion des zentralen Nervensystems spielt. Astrozyten produzieren aus Glukose Lactat und stellen dieses benachbarten Nervenzellen zur Verfügung. Dieses Konzept wird als Astrozyten-Neuron-Lactat-Shuttle (ANLS) bezeichnet.
Neben seiner Funktion als Energieträger beeinflusst Lactat zahlreiche Prozesse der neuronalen Plastizität. Es unterstützt Lernvorgänge, Gedächtnisbildung, synaptische Anpassungsprozesse und neuroprotektive Mechanismen. Besonders körperliche Aktivität erhöht die Lactatproduktion und führt zu einem verstärkten Transport von Lactat ins Gehirn. Dort stimuliert es unter anderem die Bildung neurotropher Faktoren wie BDNF und trägt damit zur Förderung kognitiver Funktionen bei. Möglicherweise erklärt dieser Mechanismus einen Teil der positiven Effekte regelmäßiger Bewegung auf Depressionen, Gedächtnisleistung und neurodegenerative Erkrankungen.
Die Revolution der Lactylierung
Einen weiteren Meilenstein markierte die Entdeckung der sogenannten Lysin-Lactylierung im Jahr 2019. Dabei handelt es sich um eine neuartige epigenetische Modifikation, bei der Lactat direkt an Lysinreste von Histonen und anderen Proteinen gebunden wird. Ähnlich wie Acetylierung, Methylierung oder Phosphorylierung kann die Lactylierung die Aktivität von Genen beeinflussen und damit langfristige Veränderungen der Zellfunktion bewirken.
Diese Entdeckung hat das Verständnis von Lactat grundlegend erweitert. Lactat fungiert nicht mehr nur als Stoffwechselprodukt oder Signalstoff, sondern wird zum direkten Vermittler zwischen Stoffwechsel und Genregulation. Metabolische Zustände können dadurch unmittelbar in Veränderungen der Genexpression übersetzt werden.
Lactylierung und Immunregulation
Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Bedeutung der Lactylierung im Immunsystem. Während einer Entzündungsreaktion steigt die Glykolyse an, wodurch vermehrt Lactat gebildet wird. Die daraus resultierende Lactylierung bestimmter Histone aktiviert Gene, die für die Beendigung der Entzündungsreaktion und die Einleitung von Reparaturprozessen verantwortlich sind.
Es entsteht somit ein bemerkenswerter biologischer Regelkreis: Die Entzündung steigert die Glykolyse, die erhöhte Lactatproduktion führt zur Lactylierung und diese wiederum aktiviert regenerative Programme. Lactat wird dadurch zu einem molekularen Signal für den Übergang von der Entzündungsphase zur Heilungsphase.
Lactat, Krebs und der Warburg-Effekt
Auch in der Onkologie hat sich die Sichtweise auf Lactat grundlegend verändert. Tumorzellen produzieren häufig große Mengen Lactat, selbst unter ausreichender Sauerstoffversorgung, ein Phänomen, das als Warburg-Effekt bekannt ist. Lange Zeit wurde dieses Lactat lediglich als Nebenprodukt eines gestörten Tumorstoffwechsels betrachtet.
Heute weiß man jedoch, dass Lactat aktiv an der Tumorbiologie beteiligt ist. Es fördert die Neubildung von Blutgefäßen, unterstützt das Tumorwachstum, trägt zur Immunsuppression bei und kann die Bildung von Metastasen sowie die Resistenz gegenüber therapeutischen Maßnahmen begünstigen. Darüber hinaus beeinflusst die Lactylierung die Expression zahlreicher Gene, die für das Tumorwachstum relevant sind. Entsprechend werden aktuell neue therapeutische Strategien entwickelt, die Lactattransporter, die Lactatdehydrogenase oder Prozesse der Lactylierung gezielt hemmen sollen.
Lactat als Mediator der Trainingsanpassung – Warum Bewegung Gesundheit programmiert
Kaum ein Molekül wurde in der Sportmedizin über Jahrzehnte so missverstanden wie Lactat. Lange Zeit galt es als unerwünschtes Stoffwechselendprodukt, das für Muskelbrennen, Leistungsabfall und die sogenannte „Übersäuerung“ verantwortlich gemacht wurde. Dieses Bild hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Moderne sportphysiologische und molekularbiologische Untersuchungen zeigen, dass Lactat keineswegs ein Abfallprodukt ist, sondern vielmehr als zentrales Signalmolekül fungiert, das zahlreiche Anpassungsprozesse nach körperlicher Aktivität steuert.
Während intensiver Belastungen steigt die Glykolyse an, wodurch vermehrt Pyruvat entsteht, das in Lactat umgewandelt wird. Dieser Prozess ermöglicht die Regeneration von NAD+ und damit die Aufrechterhaltung der Energieproduktion. Gleichzeitig dient das entstehende Lactat als Energieträger für andere Gewebe. Herzmuskel, Gehirn und oxidative Muskelfasern nutzen Lactat bevorzugt als Substrat für die ATP-Bildung. Die erhöhte Lactatproduktion während körperlicher Aktivität stellt somit keinen Ausdruck eines gestörten Stoffwechsels dar, sondern vielmehr ein Zeichen metabolischer Flexibilität und Leistungsfähigkeit.
Besonders interessant ist die Erkenntnis, dass Lactat weit über seine Funktion als Energieträger hinausgeht. Es wirkt als Signalstoff, der den Organismus über die erhöhte Belastung informiert und langfristige Anpassungsprozesse einleitet. Zu den wichtigsten Effekten gehört die Stimulation der Mitochondrienbiogenese. Erhöhte Lactatspiegel aktivieren zentrale Transkriptionsfaktoren wie PGC-1α, NRF-1 und TFAM, die für die Bildung neuer Mitochondrien verantwortlich sind. Auf diese Weise trägt Lactat entscheidend dazu bei, dass regelmäßiges Training die oxidative Kapazität der Muskulatur verbessert und die Energiegewinnung effizienter wird.
Darüber hinaus spielt Lactat eine wichtige Rolle bei der Anpassung des Gefäßsystems. Es stimuliert die Bildung des vaskulären endothelialen Wachstumsfaktors (VEGF), welcher die Neubildung von Kapillaren fördert. Die verbesserte Durchblutung führt zu einer effizienteren Versorgung der Gewebe mit Sauerstoff und Nährstoffen und unterstützt sowohl die Leistungsfähigkeit als auch die Regeneration. Lactat fungiert somit als molekulares Signal, das die Anpassung des Herz-Kreislauf-Systems an wiederkehrende körperliche Belastungen mitsteuert.
Auch im Bereich des Muskelaufbaus gewinnt Lactat zunehmend an Bedeutung. Studien weisen darauf hin, dass erhöhte Lactatkonzentrationen die Aktivierung von Satellitenzellen fördern und anabole Signalwege beeinflussen können. Zudem scheint Lactat die Ausschüttung von Wachstumshormonen zu stimulieren und regenerative Prozesse nach intensiven Belastungen zu unterstützen. Dies könnte mit erklären, warum Trainingsformen mit hoher metabolischer Beanspruchung häufig besonders wirksam für den Aufbau von Muskelmasse und Kraft sind.
Eine der faszinierendsten Entwicklungen der letzten Jahre betrifft die Rolle von Lactat in der Kommunikation zwischen Muskulatur und Gehirn. Während körperlicher Aktivität gelangt Lactat über spezifische Transportmechanismen durch die Blut-Hirn-Schranke und wird dort von Nervenzellen als Energiequelle genutzt. Gleichzeitig wirkt es als Signalstoff, der die Bildung des Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) stimuliert. BDNF gilt als einer der wichtigsten Wachstumsfaktoren des Gehirns und fördert Neurogenese, synaptische Plastizität sowie Lern- und Gedächtnisprozesse. Diese Erkenntnisse liefern eine plausible Erklärung dafür, warum regelmäßige körperliche Aktivität das Risiko für Depressionen, kognitive Einschränkungen und neurodegenerative Erkrankungen senken kann.
Besondere Aufmerksamkeit erhält in diesem Zusammenhang das hochintensive Intervalltraining (HIIT). Diese Trainingsform führt zu besonders ausgeprägten Lactatanstiegen und gilt heute als eine der effektivsten Methoden zur Verbesserung der Insulinsensitivität, der Herz-Kreislauf-Funktion und der mitochondrialen Leistungsfähigkeit. Viele Forscher vermuten, dass die starke Lactatbildung während solcher Belastungen einen wesentlichen Teil der beobachteten gesundheitlichen Vorteile vermittelt. Lactat wird daher zunehmend als ein Molekül betrachtet, das einen Teil der biologischen Wirkungen von Bewegung direkt überträgt und orchestriert.
Aus Sicht der Longevity-Forschung erscheint Lactat ebenfalls in einem neuen Licht. Wiederholte physiologische Lactatanstiege durch regelmäßige körperliche Aktivität wirken als milder Stressreiz im Sinne der Hormesis. Dadurch werden Anpassungsmechanismen aktiviert, die die zelluläre Widerstandsfähigkeit erhöhen, die mitochondriale Funktion verbessern, entzündliche Prozesse reduzieren und die metabolische Flexibilität steigern. Diese Effekte gelten heute als zentrale Grundlagen eines gesunden Alterns.
Bedeutung für die funktionelle Medizin
Für die funktionelle Medizin eröffnet das neue Verständnis von Lactat weitreichende Perspektiven. Lactat ist nicht länger nur ein Marker körperlicher Belastung, sondern spiegelt die metabolische Flexibilität, die mitochondriale Leistungsfähigkeit, die Immunregulation und die Regenerationsfähigkeit des Organismus wider.
Chronisch erhöhte Lactatspiegel können Hinweise auf mitochondriale Dysfunktionen, Hypoxie, chronische Entzündungsprozesse, Störungen des Mikrobioms oder tumorassoziierte Stoffwechselveränderungen geben. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien, dass gezielte physiologische Lactatanstiege, beispielsweise durch hochintensives Intervalltraining, die Mitochondrienbiogenese fördern, die Neuroplastizität verbessern, die Insulinsensitivität erhöhen und entzündungsregulierende Prozesse aktivieren können.
Lactat entwickelt sich damit zunehmend zu einem zentralen Bindeglied zwischen Bewegung, Stoffwechsel, Immunfunktion und Epigenetik und verkörpert exemplarisch das moderne Verständnis der funktionellen Medizin, in dem Stoffwechsel nicht nur Energiegewinnung, sondern auch Informationsübertragung bedeutet.
Fazit
Die moderne Forschung hat das traditionelle Bild von Lactat grundlegend verändert. Was über Jahrzehnte als unerwünschtes Nebenprodukt intensiver Belastung galt, wird heute als zentrales Bindeglied zwischen Muskelarbeit, Energiestoffwechsel, Immunfunktion, Gehirnleistung und Regeneration verstanden. Lactat fungiert nicht nur als Energieträger, sondern auch als Signal- und Kommunikationsmolekül, das zahlreiche Anpassungsprozesse im Organismus steuert.
Für die Sportmedizin und die funktionelle Medizin ergibt sich daraus ein neues Verständnis körperlicher Aktivität: Training produziert nicht lediglich Energieverbrauch und Ermüdung, sondern aktiviert komplexe molekulare Programme, die Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Resilienz fördern. Lactat steht dabei exemplarisch für die Erkenntnis, dass Stoffwechselprodukte weit mehr sein können als Endprodukte biochemischer Reaktionen. Sie sind aktive Informationsüberträger, die den Organismus auf Anpassung, Regeneration und gesundes Altern programmieren.
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